Wie so häufig im sogenannten "Underground" geht auch hier die Idee auf einen einzelnen Dichter zurück: Tom de Toys führte den Begriff "Off-Lyrik" (OL) im Herbst 1995 ein, um das erste Festival im legendären (wegspekulierten!) Kölner 'BelAir' für jene Kollegen zu organisieren, die ihre Texte nicht nur trocken ablesen sondern das Publikum damit aufwühlen wollen - Bühnentauglichkeit & Besessenheit wurden die wichtigsten Kriterien, keine thematische Beschränktheit (wie im sogenannten "Social-Beat") oder stilistische Blutleere (wie im schicken Buchhandel).
Die Auftritte werden bestimmt durch (eine oft "unliterarisch" wirkende) ORIGINALITÄT der Gedichte, aufgemischt mit der INTENSITÄT des lebendigen Vortrags. So extreme Eigenbrödler und Selbstläufer wie unter anderem Dr.Treznok und Theo Breuer ließen sich dadurch widerspruchslos zusammenbringen, das "Off" im Headliner steht sowohl für das Abseitig-Authentische als auch für IDEOLOGISCHE OFFENHEIT: Respekt gegenüber der Bandbreite an Botschaften, deren experimentelle bis konventionelle Formen sich in einer seltsamen Radikalität treffen, die das Weise mit dem Wahnsinnigen verbindet. Wer zum Beispiel die dissoziative Monotonie des Kunsttherapeuten Prof.P.Rech, die magische Ironie des Multiminimalisten Ron Schmidt und die prophetische Theatralik des 'E.S.'-Forschers Tom de Toys (zusammen mit Trompeter Marcus Klische & Pantomime Posti als 'Das Rilke Radikal') in geballter Ladung erlebt, zehrt von diesem Seinsschock lebenslänglich. Solche PERFORMANCE-LITERATUR wirkt wie eine bewußtseinserweiternde Droge: Zuerst bist Du gelangweilt, dann irritiert, schließlich gefesselt und danach infiziert - die LYRIK-GUERILLA (gemäß Christian Ide Hintze) wächst beständig, das Jahr 2020 scheint nahe!
Auch das Kieler 'SubRosa'-Team hatte das erkannt und deshalb Tom de Toys beauftragt, das zweite OL-Festival (mit weiteren Highlights wie stan lafleur, Alex Nitsche, Thorsten Nesch, Harald 'Sack' Ziegler, Hadayatullah Hübsch und Ulrich Jösting) bei ihnen auszurufen. Vier Tage lang wurde die Stadt in ein A.L.Off.-Sprachinferno (Arational-literarische OFFensive) verwandelt, das den (durch etablierte Großverlage verursachten) schlechten Ruf der deutschen Dichtkunst mal wieder etwas korrigieren kann: die beteiligten Wortakrobaten verlegen und vertreiben ihre Bücher selber, meistens ohne ISBNummern, nur direkt bei ihnen oder einschlägigen Subkulturzentralen bestellbar wie dem Bochumer 'VAPET' (auch Hrsg. der Zeitschrift 'Papillon') und Berliner 'G&GN' ('Institut für Ganz & GarNix', auch Hrsg.der Produzentenzeitschrift 'S.E.N.F.'). Die Auflagen dieser teils bibliophil-handkolorierten, teils schnellkopierten Editionen sind entweder klein oder endlos, die Einnahmen fließen (sofern selbstkostendeckend) sofort wieder in neue Projekte - eine hochmotivierte Szene aus szenelosen Einzelkämpfern mit diversen Visionen, die sich der Vermarktung und Verflachung, dem Mißbrauch und Ausverkauf, dem Konsumzwang und Etikettenschwindel, dem ganzen trostlosen Trendgehabe (auch slapstick-persiflierend) entzieht, um einfach der selbstehrlichen Lebensspur in ihren ästhetischen Ansätzen und Anwendungen zu folgen.
Dementsprechend bieten diese neuen "Revolutionsdichter" (-wo sind die Frauen?-) eigene Literaturpreise an (RDB/Ralf-Detlef-Brechtmann-OL-Manuskript-Preis,E/Engagierte-Literatur-Preis, 'Heulsuse'-Kurzprosa-Preis), um anderen Querdenkern den Quantensprung aus ihrer Lethargie & Isolation zu erleichtern, damit die "Prophylaxe Postmoderner Paralyse" (so der Festival-Untertitel) bald eine kritische Masse erreicht, deren ERWEITERTER LEBENSBEGRIFF zur Überwindung destruktiver Gesellschaftsstrukturen beiträgt.
Wer nicht im OFFiziellen Programm namentlich auftauchte, konnte die "Open-Mike"-Chance nutzen, um sich einerseits beim Publikum Gehör zu verschaffen und andererseits das Spektrum dieser "schreibwütigen Dinosaurier aus der Zukunft" (Zitat Dr.Egon Denkmal, Institut für Angewandten Autismus) zu bereichern - hier gibt es keine Machtkämpfe und Kollegenneid sondern Freude an Austausch und gegenseitiger Unterstützung!
Die Zeiten der Frustration idealistischer Selbstausbeutung (durch Verzicht auf angemessene Gagen und überbilligte Verkaufskonzepte) sind vorbei. Der Elan aber keimt ungebrochen und verbündet sich mit allen Medien, Sponsoren, anderen Disziplinen (wie Musik, Malerei, Theater, Tanz, Video, Dia-Show) und Rezipienten, die beim aufmerksamen Lesen der Schriftwerke, Pamphlete und "Lit-Singles" (Handzettel mit ausgekoppelten Einzelgedichten - den Begriff prägte Ingo Lahr vom 'Manana'-Verlag) spüren, wie ernst diese AutorInnen ihre Zukunft nehmen in dieser zunehmend dumpferen Zeit der Sucht nach Informationsfloskeln statt SEHNSUCHT NACH ECHTEN INHALTSFRAGEN als existentielle Auseinandersetzung mit den eigenen Alltagsstrukturen. Hier wird die träge, viel zu kompromißbereite Routine des sogenannten angeblich postmodernen Lebens hinterfragt und weitergedacht: Im Land der Richter und Henker bahnt sich eine unerwartete Ära deutscher Literaturgeschichte an, wir begrüßen das 21.Jahrhundert mit einem großartigen sprachlichen Aufschwung!