Samuel Lépo,  2.4.98

MAHNEN OHNE MAL
Der Tacheles-Hausdichter Tom de Toys
plädiert für eine „soziale Mahnplastik“.

BERLIN-MITTE/ Mit großer Besorgnis verfolgt der Off-
Lyriker T.de.T., bekannt durch seine
Wahrnehmungstheorie „Erweiterte Sachlichkeit“, die
Argumentationsschleifen bezüglich des Holocaust-
Mahnmals. Seiner Meinung nach verlaufen die
Diskussionen über diese Finanzinvestition letztlich
unzeitgemäß, denn mit Joseph Beuys sei eigentlich eine
Ära lebendiger ästhetischer Kritik angebrochen, die
keine starren und stummen Skulpturen favorisiert
sondern, der Fluxusidee folgend, den realen
Notwendigkeiten der (über-)lebenden Menschen gerecht
werden will. Im Klartext hieße das erstmal: keine teuren
Symbole errichten, deren passive Alibi-Funktion zur
ausgiebig betonten Gefahr von Kunst zählt. Stattdessen
sollten die Steuergelder in praktische Projekte fließen,
die sowohl zur Bewußtseinsschärfung latenter Intoleranz
in vermeintlich demokratischen Demokratien dienen als
auch engagierten Randgruppen helfen, ihre oftmals aus
Idealismus und eigener Betroffenheit ehrenamtlich
betriebenen Aufklärungskampagnen zu intensivieren. In
einer Zeit neuer Armut & Arbeitslosigkeit täten unsere
Volksvertreter besser daran, dem wachsenden
Unterdruck vorzubeugen, der durch Entnahme von
heißer Luft in angeblich leeren Kassen entsteht. Das
scheinbare Interesse an sogenannter moderner Kunst
als gesellschaftlich brauchbare Leistung vertusche bloß
die Ablenkungsmanöver von Politikern, denen es selber
an humanistischen Visionen fehle und die keinen
Zugang zum harten Alltag von „ganz normalen
Außenseitern“ haben: ob homosexuell, ob künstlerisch
provokant, ob Hautfarbe, Geschlecht oder Alter – ganz
gleich wie die Abweichung von Gesetzen und Trends
aussieht, das tagtägliche Unrecht an Unbestechlichen
sei ein globaler Skandal, dem kein Mahnmal in einer
sterilisierten Hauptstadt genügt. T.de.T. verweist
abschließend auf hoffnungsvolle Initiativen wie die
Studentenproteste, die Love Parade, alternative Medien
und generationenübergreifende Solidarisierungen für
Weltfrieden und eine freie Kultur von neuen Menschen,
die „Andersartigkeit“ als Bereicherung statt Bedrohung
empfinden. Dies seien Anzeichen für den allmählichen
Übergang ins ZEITALTER RADIKAL POSITIV
ERWACHTER, das sich nicht erst mit dem
Psychotherapie-Boom der 80er-Jahre einleitet. Unter
dem Motto „Holismus statt Holocaust“ rebellieren
sehnsüchtige Seelen immer schon mit ihren ganz
eigenen/eigenwilligen Mitteln und Möglichkeiten,
manchmal eher unauffällig oder bloß durch
Kraftsammeln im inneren Exil, und manchmal wundern
sich die Machthaber, daß sie noch nicht einmal das
Echo der tickenden Zeitbombe hörten...
 
 
 

...ach SO NETTE...  (19.7.99)
FRÜHLINGSGEFÜHLE  (4/99)
"Kieler Kürzung"  (4./5.12.97)
SOL(I)DA(RITÄ)T  (20.11.97)

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