„DIREKTE DICHTUNG" – WAS IST
DENN DAS ???
Als erster Preisträger des
zukünftig sporadisch vergebenen OFF-Literaturpreises für zeitgeistresistente
Gesamtwerke fühle ich mich verpflichtet, verehrtes Publikum, den jetzt
schon protestierenden Kritikern Zündstoff für ihre Klatschundtratschmedien aller
Kategorien (ich glaube nur an meine eigenen Presse-Erklärungen!!!) zu liefern,
indem ich versuche, ein Resümee meiner trendfreien theoretischen Taktiken zu
skizzieren. Der Plan sah eigentlich anders aus: Zuerst die Malerei ad acta
legen, nachdem sie ganz persönlich durch die individuelle Überwindung metaphysischer
Fragen ad absurdum geführt worden war. Dann mir mithilfe der Schreiberei einen
Namen verschaffen, damit dieser zu Promotionzwecken für die Bilder meines neuen
Stils einsetzbar wird. Stattdessen hatte sich aus der verbalen Ebene meines
Bewußtseins ein Selbstläufer entwickelt, noch dazu angeheizt durch das letzte Aufbäumen und die Abschaffung
der sogenannten Undergroundliteratur-Szene in den 90ern des
20.Jahrhunderts, indem sich das brodelnde Zeitschriften-Netzwerk dem Tageslicht
stellte. In meinem Falle existieren nun nicht nur über 1000 Gedichte (davon 25 E.S.-Beispiele),
die genaugenommen als lexikalische Zeitbombe im G&GN-Archiv ticken (mit den
kulturhistorischen Korrekturen und germanistischen Würdigungen wird ja
üblicherweise erst nach dem Autorentod begonnen) sondern ich sah mich auch genötigt,
selber schon Sekundärmaterial zu erarbeiten, um nicht vom Fahrwasser
angeblicher Zeitgeistphänomene mitgerissen zu werden. Denn Eintagsfliegen
schlagen dank Medienrummel immer höhere Wellen und ertränken alles, was Flügel
hat. ICH FOLGTE ALSO DEM INNEREN ENGEL
BIS AN DIE GRENZEN MEINER TAUGLICHKEIT... und fand diverse Begriffe, um die
Differenz meines Ansatzes zum Spektakel drumherum zu definieren. Dabei half mir
stets die vermeintliche Intuition mehr als meine ohnehin überflüssige
Halbbildung. Erst rückblickend wird mir nun bewußt, was für einen
postpoetologischen Apparat ich aufgebaut habe und mit welchen Meilenstiefeln
mein „Institut für Ganz & GarNix" ins 23.Jahrhundert ausgewandert ist.
Jetzt, da ich endlich wieder Platz im Sprachzentrum für Außenweltzusammenhänge
finde, spüre ich (oft mit Gänsehaut), wie leicht sich noch immer das Publikum
blenden läßt vom Geschwätz der Journalisten & Pausenclowne – profilneurotische
Verleger mutieren zu Voyeuren
anti-literarischer Onanie, bis der Buchhandel zum schöngeistigen Sexshop
pervertiert. Hier kannst Du die gesamte zivilisatorische Ablenkung kaufen,
brauchst keinen einzigen Gedanken selber denken, nur leasen + lesen, was
angesagt ist ! Ich wehre mich mit aller seelischen Unbestechlichkeit gegen
solch inhaltsloses Gerede, egal ob gedruckt oder digital: das permanente
Pulsieren im Modewahn verseucht die Gehirne, lähmt die Sehnsucht nach ekstatischer Echtheit, verleugnet das
übermenschliche Bedürfnis nach existentiellen Banalitäten. Hinter der Maske
vorgegaukelter Avantgarde und Experimentierfreudigkeit verbirgt sich das
bereits untergegangene Abendland. Wir sind umgeben von institutionalisierten
Innovations-Zombies in eventhaften Leichenschauhäusern mit Preisverleihungen als
Särge. Demnäxt alles nur noch virtuell, dann wird die Natur den hinterbliebenen
Freigeistern gehören, die dem großen Irrtum nicht verfallen sind. Die Wahrheit:
Transrealität entsteht durch gegenseitige Wahrnahme. Derart wirklich nenne ich deshalb
nur, was beide gemeinsam erfahren und dadurch als integrale Information miteinander
teilen. Sie sind dann im neuropoelitischen Begriff einer situativ-transpersonal-interdependenten
>WÄLT< ohne Metaphern
& Symbole. Und sie verdanken dieses bildlose Weltbild dem Kontakt-Effekt
beim unmittelbaren Kommunikationsakt jenseits psychistischer Projektionen.
Anstatt klassisch definierbare Sachen (Sinneseindrücke) zu sammeln, erlaubt die
grundlos geteilte ANEKDOTENFREIE ANWESENHEIT Zustände statt Gegenstände als mystisch-materiell
angewandtes Vorhandensayn in der vibrierenden Leere zu nutzen. Das
Händeschütteln (früher noch ein traditionelles Begrüßungsritual) wird endlich
seinem transdialektischen Selbstzweck überlassen, die Haut als eigentlicher
Sensor statt Zensor interpretiert Begegnungsdaten im Sinne eines DUOISMUS
STATT DUALISMUS ohne artifizielle Umschweife. Die Hand greift nicht mehr (wie
beim Affen) nach Nahrung (die dann b-griffen wird) sondern hat sich für
meditative Manöver emanzipiert, weil sich das Bewußtsein nicht mit dem
biochemischen Hunger beschäftigt sondern der übersättigten & unterforderten
Puren
Präsenz (P2) dient. Sogesehen muß eine reflektierte Dokumentation
Direkter Daten nicht unbedingt sofort während oder nach des Erweiterten
Ereignisses (E2) selbst erfolgen (um beliebten Kriterien wie
Authentizität & Autonomie gerecht zu werden) sondern entscheidend ist der
sojetistische (Subjekt/Objekt-je-und-je-transzendierende) Charakter eines
Wältsymptoms. Wo noch vor kurzem der angeblich Radikale Konstruktivismus Textstrukturen
intersubjektiv-sachlich kontrollieren konnte, da ist es eigentlich ein per se rücksichtsloser
KONTAKTISMUS, der die erweiterten Sachlichkeiten „zwischen" den Kontaktpolen
visionär empfindet und als Vorbote einer völlig neuartigen architektonischen
Utopie beschreibt: KONTAKT ZWISCHEN SAYENDEM ALS ZWISCHENLOSE WÄLTWEITE – es gibt
keine Begegnung ohne beide Hände, die sich schütteln !!! Oder allgemeiner
gesagt: Die Stille besteht aus dem Spannungsverhältnis der Redenden. Oder ganz
abstrakt: Das Absolute ist bloß die Transparenz der Relationen... jenseits
elitär-erleuchteter Gedanken DURCHLEUCHTET & DURCHDACHT mit dem, was sich ganz
von alleine zeigt. Und solange sich nichts zeigt, gibt es keine Notwendigkeit,
etwas zu sagen. Dasselbe gilt für die visuelle Ebene: rein technisch läßt sich
der Integrale Impressionismus leicht, sehr sehr leicht imitieren und
dementsprechend endlos reproduzieren, aber nicht die grundlose Glückseligkeit, mit der sich die Landschaft in Forschungssitzungen
inspirierter Intensität als derart reduzierte Essenz transreligiös offenbart
und als arationale Antwort entgegen allen Bedürfnissen nach Verspieltheit verrät.
Dem Musen-Effekt geht immer der Kontakt-Effekt voraus so wie Liebe auch
erst durch Lust passiert; denn jede Begegnung besteht de facto aus Berührung
bestimmter Merkmale der multidimensionalen Energie. Keine Malerei ohne Materie,
keine Schreiberei ohne Schraffur. Wir befinden uns zwar immer in beliebigen Befindlichkeiten,
gegen Beliebigkeit aber hält bloß noch die hyperbiographische Bedeutungeuphorie
stand. Soweit der punktlose Standpunkt meiner direktesten Dinge als transrealistische
Verdinglichung des spirituellen Stripteases meiner mich gelegentlich durchdringenden
Umgebung. Ich danke Ihnen recht herzlich für das Vertrauen und den Respekt, den
Sie mir durch Ihr Zugeständnis des NAHBELL-Preises erweisen, nachdem ich
jahrelang nur von persönlichen Fans als Geheimtip gehandelt heimlich unter der
Bettdecke gelesen wurde und auch bis heute erst einen Bruchteil meines Oeuvres
veröffentlichen konnte, weil Zeit & Geld fehlen, um neben meinem öffentlichen
Engagement –z.B. im Deutschunterricht der Gymnasien– diesen unmenschlichen Digitalisierungsstreß
zu meistern, ohne auf die eigene Teilnahme am kulturellen Leben unseres Landes
als Konsument gänzlich zu verzichten. Bedenken Sie: auch ein Genie braucht manchmal
etwas Freizeit, um sich einfach zu vergessen, im Treiben des seltsamen Partygetummels
aufzulösen und auf allerprimitivster Ebene das zu genießen, was ja sogar auch den
kernlosen Kern meiner eigenen Botschaft ausmacht: DIE REINE GEGENWART, die auch
einem Sterbenden als sinnvollste Erinnerung an ein vielleicht superlangweiliges
Leben bleibt. Darin unterscheiden sich die Menschen ganz und gar nicht: Sie
können allesamt der ewigwährenden <Generation
Gegenwart> angehören (der Begriff wurde von meinem Dichterfreund J.M
eingeführt, den ich nebenbei übrigens auch als Anwärter für den hier
verliehenen Preis vorschlagen möchte), jenseits aller Altersstufen und
Gesellschaftsschichten. Sie ist das einzig friedensstiftende und „erlösende"
Moment aller Kulturen, das mich auch damals, auf den Tag vor genau 11 Jahren, überwältigte,
als ich das erste Poem („Kontakt") nach Vollendung meines Frühwerkes („Die
Mystische Inflation") notierte. Leider haben neulich erst unabsichtliche
Recherchen beim Renovieren meines Jugendgemaches in meinem Geburtsort Jülich das
korrekte Entstehungsdatum zutage gebracht (nicht der 5.5.89, an dem der vorbereitende
Spaziergang mitsamt Erfindung meines neuen Stils stattfand), wodurch ich nun
aber –welch wunderbare Ironie des Schicksals!– wenigstens einen kleinen Beweis
meiner oben angeführten Theorie des Direkten erbringen kann: vom Reflex der
lochistischen Vergegenwärtigung des Vorhandensayns bis zur Reflexion
über diesen Seinsschock par excellence kann durchaus ein Monat vergehen. Das
plakativ wirkende Wörtchen „direkt" bezieht sich eben nicht auf die „irgendwie
spontane" Schreibtechnik (von Besoffenen genauso gut beherrschbar wie von
Heiligen) sondern den kontaktiven Inhalt des Erfahrbaren. Es scheint mir
überflüssig, amerikanische Neologismen zu bevorzugen, nur um der Inflation des
deutschen Sprachschatzes zu entgehen – es ist wohl nichts neues, daß alle möglichen
Begrifflichkeiten auf allen möglichen Gebieten (von Kunst über Alltagsjargon
bis zu Wissenschaft) oft verwirrend unterschiedlich verwendet werden. Das Spiel
mit den Worten ist und bleibt eben auch ein Spiel mit den Wirklichkeiten. Und
genauso wenig wie Genialität erst von Galeristen gemacht wird, beginnt auch Lyrik
nicht erst auf dem Ladentisch sondern WENN EIN DICHTER DICHTET. So einfach ist
das und darum freue ich mich besonders, daß Sie jenseits der fetischistischen Feuilletons
auf mich aufmerksam wurden und wünsche uns hiermit noch eine wilde Feier: die gegenseitige
Autogrammstunde verschieben wir bitte auf das morgige gemeinsame Frühstück, das
Buffet sei nun eröffnet, die Toiletten befinden sich hinten links, Betten und Duschen
in den oberen Stockwerken und als Tanzfläche gilt der gesamte Saal...