Berlin, im November 1999
© by Doris Mallasch

...und so...
Tom (de) Toys´ Lyrikband "ÜBERWELTIGUNG"
(Neuerscheinung im Vapet-Verlag, Sylvester 1999/2000)
 

Tom de Toys über-zeugt in seinem neuen Gedichtband, der einen Querschnitt
aus neun Jahren (1989 - 1998) Lyrikschaffen präsentiert, sowohl inhaltlich
als auch stilistisch.

In diesen 21 Beispielen 'Direkter Dichtung' werden philosophische, natur- und geisteswissenschaftliche Bereiche in poetischer Weise konzentriert. Der Clou: In dem Augenblick, in dem sich der Leser auf ein poetisches Bild einlässt, bricht ein laxer Ausdruck die Bedeutungsschwere ("und ex und hopp / jedes gedicht is ein flop", in: EXTASE STATT ELITE).

Dieser Mut zum reimenden Kalauer, der die hohen Themen der menschlichen Seele erdet, lässt die Sammlung den leichten Ton treffen, den der Zeitgeist am ausgehenden 20. Jahrhundert "bitter" nötig hat. In einer Zeit, in der alles schon gesagt scheint, ist es diese Mischung von bewusstem Rückbezug auf die Tradition und humorvoller Auseinandersetzung und Brechung mit ihr, die ein
Weitermachen auf scheinbar ausgetretenen Lyrikpfaden erst möglich macht.

In Tom de Toys´ Gedichten ist der Leser nie sicher vor diesem Umkippen ins augenscheinlich, ohrenfällig Banale, das den Weg weist zum Auftrag an den Leser selbst: "Setze Deine Sprache bewusst ein!" De Toys´ poetologischer Ansatz 'Direkte Dichtung' soll im All-tag wirken durch neu durchgehörte Alltagssprache:

 
KONTAKT

zwischen zwei körnern
staub
schritte im meer
geatmet
und so

De Toys´ Werk macht klar, dass die Sprache dieser, unserer zeitgenössischen Welt das Unaussprechliche bereits in sich birgt. Bei ihm bedarf es keiner abgehobenen Lyriksprache, um menschliche Wahrheiten und Gefühle auszudrücken. Das "und so" bildet den Gedankenstrich dieser Dichtung ("au wei au wei / ein windei ein / wei au wei", ebenfalls in: EXTASE STATT ELITE mit dem Refrain "IN DEUTSCHLAND IS NIX LOS"). Die unter Hardliner-Germanisten verfemte indifferente Sprache der
Jugend, die Modalverben und Alltagsfloskeln werden so zu Trägern der
Transzendenz. Die dichte Sprache in den zum Teil wenige Verse, zum Teil
mehrere Seiten umfassenden Poemen speist sich aus dem Vokabular der Gebrauchssprache, um über sie hinauszuweisen.

Wo Tom de Toys in poetischen Bildern spricht, verblüfft er durch neue Kombinationen, die Jahrhunderte alte Motivgeschichten neu und zeitgemäß beleuchten: "das veilchen tropft / die rose dampft / weil hirn verkopft / das licht verkrampft / wenn kein herz klopft" (in: WELTFORMEL).

Die Werke aus unterschiedlichen Schaffensperioden fügen sich für den
Leser auf nachvollziehbare Weise zu einer runden Komposition zusammen:
Die Anordnung der Gedichte ist symmetrisch. Die Spiegelachse ist die ÜBERWANDERUNG (-EINSTEIN EINFACH-). Das Gedicht bildet das Kernstück der Hommage-"Über"-Gedichte an Goethe, Nietzsche, Heine, Brecht und sogar De Toys selbst in der Mitte des Bandes. Jedem Gedicht im ersten Teil steht ein Spiegel- bzw. Antwortgedicht im zweiten Teil gegenüber. So ist das Schwestergedicht zum PRO-TEST (GEGEN DAS GEGEN) von 1997 DIE FUNKTION DER SCHÖNHEIT (FÜR DAS FÜR) von 1998. Hier macht De Toys mit der Forderung nach Kommunikation durch Sprache bereits in der Anlage seines Gedichtbandes ernst, indem er die Gedichte miteinander korrespondieren lässt.

In seiner bekannten Manie(r) handelt es sich bei den De Toys´schen Gedichten nicht nur um Lese- und Hör-Werke, sondern auch für den tüftelnden Lyrikliebhaber um Entdeckergedichte. Verschiedene Schrifttypen und Unterstreichungen vermitteln über den fortlaufenden Text der Gedichte hinaus eine Botschaft, eine Matrix, die immer wieder lautet: Kontakt auf allen Ebenen!

So lädt der Band nicht nur zum vergnüglichen Zwischendurchlesen aufgrund der vermeintlich leicht zugänglichen All-tagssprache ein, sondern auch zur intensiven langen Beschäftigung. Erst dabei kann sich die Mehrdimensionalität des Einzelwerkes und seine Funktion im Gesamtkontext erschließen.

Den theoretischen Hintergrund hierfür liefert ein pseudowissenschaftliches Nachwort des zum imaginären T.de.T.-Imperium gehörenden fingierten Pressesprechers Samuel Lépo. Dem Leser bietet sich eine literaturtheoretische Einordnung der im Geiste des 'Integralen Impressionismus' geschriebenen Gedichte, dies alles in einem augenzwinkernden, die Fachsprache karikierenden Gestus verfasst. Es schließt sich ein "Lebenswerklauf" des 2069 in einem Quantenraumschiff entschwindenden Dichters an. Über-"weltigend"!

 
 
ÜBERWELTIGUNG  (Inhaltsangabe)

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