Sogar die Subkultur ist von machtbesessenen Profilneurotikern verseucht, die mittels Intrigen und Infiltrationen Spaltungsprozesse in der vermeintlichen Szene soweit vorantreiben, daß sich auch definitionsgierige Medien und sensationsgeile Institutionen dafür instrumentalisieren lassen. Dadurch etablieren sich Etiketten von angeblichen Strömungen, Stilen und Stars, deren leichtverdauliches Image durch Ignoranz und Intoleranz stabilisiert wird. Prestigehygiene und Podiumshysterie wie überall ! Standby.
Locker und liberal war dagegen der gepflegte Umgangston im Backstage der sogenannten Großknallmeister, die wir uns zwar alle auf der Bühne bemühten, der Pflicht als souveräne Solisten gerecht zu werden, aber uns eigentlich wie eine Großfamilie gegenseitig respektierten, zumal die peinliche Jury und das peinigende Publikum spüren ließen, wie sehr wir als Repräsentanten des literarischen Außenseitertums keine Konkurrenten sondern Kollegen mit individuellen Ansätzen sind. Das bestätigte der Gewinner Bastian Böttcher1 (dicht gefolgt von Sir Jan Off2, dann Tracy Splinter3 und mir4) in seiner spontanen Dankesrede bei der Preisgeldübergabe, indem er behauptete, es gäbe keine allgemeingültigen Kriterien für gute und schlechte Texte. Standby.
Auch Mathias Bach und ich hatten uns bereits nachmittags überlegt, den 1.Platz zu teilen, falls wir die Stichrunde erreichen sollten, obwohl jeder wußte, wofür er 1000 DM gebrauchen könnte. Und sowieso: Yussufs "grandiose" Auswahl der 13 Wettbewerbsteilnehmer (Frauenquote 3:10) ergab nicht nur laut Meinungsumfrage eine kurzweilige Mischung aus Lyrik & Prosa in verschiedenen Vortragstechniken (von klassisch über experimentell bis trendy gerappt - leider fehlte die Genialität eines stan lafleur5) sondern ermöglichte auch das Wiedersehen und Kennenlernen von Mitstreitern, deren Namen mir teilweise nur aus Publikationsorganen oder Presseberichten vertraut sind, weil ich ab 1997 (wegen Aufbau des Literatursalons im Berliner Kunsthaus Tacheles - Auflösung übrigens zum Mai 2000 zwecks Distanzierung von Mobbing+Machtwahn: eine subkulturelle Seifenoper mit Senatsgeldern!!!) nicht mehr im Slamfieber mitgespielt hatte und schon seit 1995 den Headliner "Off-Lyrik" für Projekte benutze (sowie für meine Einzelpräsentationen "Direkte Dichtung" als Neue Jülicher Schule), um mich aus dem SocialBeat-Label dort auszuklinken, wo bestimmte Fraktionen nur mit Fäkalsprache und pubertären Plagiaturen ihre aufgeblähten, banalen Sinnkrisen simulieren wie bei der Berliner SB-Schule der ersten Flächenbrandstunde 1993. Standby.
Mut zur Unabhängigkeit und Unbestechlichkeit gegenüber hochglanzsterilen Marktwerten solcher Verlage und Veranstalter, die bloß ihren eigenen Dunstkreis solange nachnebeln, bis eine weitere Falschmeldung im Lexikon verstaubt, bewiesen die Asperger, indem sie mich trotzdem einluden und sogar mit meiner selbsterfundenen Berufsbezeichnung ("Neuropoelitiker") ankündigten. Schon mit 19 schockierte mich diese Diskrepanz zwischen offizieller Geschichtsschreibung (durch Klatsch und Klüngel) und dem Schicksal jener Künstler, die sich nicht vereinnehmen lassen, weil ihre Visionen groß und ihre Lebenswege klein bleiben. Dazu fällt mir Philipp Schiemann`s Aussage tags darauf im Café Insomnia ein, daß es eigentlich bloß zwei Gründe gäbe, die Strapazen unseres Milieus zu ertragen: entweder tritt die Industrie plötzlich als Sponsor auf oder es ist die abgrundtiefe LIEBE ZUR LITERATUR wie bei einem Ron Schmidt6. Standby.
Beim
Yussuf M weiß, daß unsere Zeit nicht nur tickt sondern wir das Ziffernblatt selbst gestalten und letztlich sogar müssen. Und das bedarf keiner historischen Hintergründe7 sondern wahrhaftiger Wurzeln im echten Leben, denen durch permanente Durstlöschung manchmal großartige Flügel wachsen - ganz gleich welches Logo für Schubkraft sorgt!! Das 21. Jahrhundert hat begonnen. SLAM!by. Und das 23. naht schon heute. SLAM!by: standby / standby / slowmotion / and fastfood / good-bye / great poetry / performing masters / slam!by //
ANMERKUNGEN: (1-4 entspricht zusammengepuzzleten Feedbacks mit Begründungen
beim Grand Slam)
1 Bastian Böttcher: heiserer Rapper von Alltäglichkeiten ("immer dieselbe
Frequenz mit gleichem Rhythmus, das kann ich besser")
2 Sir Jan Off: Harald-Schmidt-Verschnitt mit breiten Schultern ("nette
Geschichten, naja, irgendwann reichts dann mal")
3 Tracy Splinter: schöne Stimmakrobatin ohne Botschaft ("die hätte ja auch
aus einem Telefonbuch rezitieren können")
4 Tom de Toys: starker Meckerer ohne Humor ("erschreckende Mimik, aber nur
engagiert & politisch macht doch keinen Spaß")
5 stan lafleur: Ex-Düsseldorfer (jetzt Kölner) Dichterfürst des "wahren
Underground" (Lesungstitel im Düsseldorfer Abwasserkanal)
6 Ron Schmidt: organisiert die jährlichen A.L.T. ("Artoll Lyrik Tage") am
Niederrhein um den 3.Oktober herum als "Tag der deutschen Dichtung"
7 historische Hintergründe: und wenn, dann sind für mich selbstdurchlebte
(innerlich begriffene und darum begrifflich nachvollzogene) näher am
Menschseinsgefühl als jede Legitimation durch Modeformeln. So zwang mich zum
Beispiel damals der Golfkrieg zum erstmaligen Stimmeinsatz bei einem
Pantomimestück, um meine bis dato introvertierte SPIRITUALITÄT ZU
POLITISIEREN. Der brutalen Betroffenheit waren mediengerechte Metaebenen wie
"Experimentelles Theater" (80er) oder "Poetry Performance" (90er) derart
unwichtig, daß der Aktion ein textbezogener Titel genügte ("BLUME BOMBE
BLUME") und dann während einer privaten Studentenparty in Köln-Efferen
stattfand ohne in der offiziellen Subkultur-Chronik archiviert zu werden (was
hiermit nachgeholt sei). Eigentlich vermisse ich solche authentischen
"Events" als den echten Underground, der auch heute täglich passiert, ohne
auf unsere Registrierung zu warten. Denn hinter den Grenzen aller
öffentlichen Netzwerke lauert kein Niemandsland sondern totgeschwiegene
andere Wahrheiten und Werke, von deren Existenz wir bestenfalls 1 Jahrhundert
später wissen...