Tom de Toys, Leonberg, den 21.-23.4.2000, German Grand SLAM!Masters
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NETZWERKE STATT NEIDZWERGE

JENSEITS ÖFFENTLICHER NETZWERKE LAUERT KEIN NIEMANDSLAND SONDERN ANDERE WAHRHEITEN.

Sogar die Subkultur ist von machtbesessenen Profilneurotikern verseucht, die mittels Intrigen und Infiltrationen Spaltungsprozesse in der vermeintlichen Szene soweit vorantreiben, daß sich auch definitionsgierige Medien und sensationsgeile Institutionen dafür instrumentalisieren lassen. Dadurch etablieren sich Etiketten von angeblichen Strömungen, Stilen und Stars, deren leichtverdauliches Image durch Ignoranz und Intoleranz stabilisiert wird. Prestigehygiene und Podiumshysterie wie überall ! Standby.

Locker und liberal war dagegen der gepflegte Umgangston im Backstage der sogenannten Großknallmeister, die wir uns zwar alle auf der Bühne bemühten, der Pflicht als souveräne Solisten gerecht zu werden, aber uns eigentlich wie eine Großfamilie gegenseitig respektierten, zumal die peinliche Jury und das peinigende Publikum spüren ließen, wie sehr wir als Repräsentanten des literarischen Außenseitertums keine Konkurrenten sondern Kollegen mit individuellen Ansätzen sind. Das bestätigte der Gewinner Bastian Böttcher1 (dicht gefolgt von Sir Jan Off2, dann Tracy Splinter3 und mir4) in seiner spontanen Dankesrede bei der Preisgeldübergabe, indem er behauptete, es gäbe keine allgemeingültigen Kriterien für gute und schlechte Texte. Standby.

Auch Mathias Bach und ich hatten uns bereits nachmittags überlegt, den 1.Platz zu teilen, falls wir die Stichrunde erreichen sollten, obwohl jeder wußte, wofür er 1000 DM gebrauchen könnte. Und sowieso: Yussufs "grandiose" Auswahl der 13 Wettbewerbsteilnehmer (Frauenquote 3:10) ergab nicht nur laut Meinungsumfrage eine kurzweilige Mischung aus Lyrik & Prosa in verschiedenen Vortragstechniken (von klassisch über experimentell bis trendy gerappt - leider fehlte die Genialität eines stan lafleur5) sondern ermöglichte auch das Wiedersehen und Kennenlernen von Mitstreitern, deren Namen mir teilweise nur aus Publikationsorganen oder Presseberichten vertraut sind, weil ich ab 1997 (wegen Aufbau des Literatursalons im Berliner Kunsthaus Tacheles - Auflösung übrigens zum Mai 2000 zwecks Distanzierung von Mobbing+Machtwahn: eine subkulturelle Seifenoper mit Senatsgeldern!!!) nicht mehr im Slamfieber mitgespielt hatte und schon seit 1995 den Headliner "Off-Lyrik" für Projekte benutze (sowie für meine Einzelpräsentationen "Direkte Dichtung" als Neue Jülicher Schule), um mich aus dem SocialBeat-Label dort auszuklinken, wo bestimmte Fraktionen nur mit Fäkalsprache und pubertären Plagiaturen ihre aufgeblähten, banalen Sinnkrisen simulieren wie bei der Berliner SB-Schule der ersten Flächenbrandstunde 1993. Standby.

Mut zur Unabhängigkeit und Unbestechlichkeit gegenüber hochglanzsterilen Marktwerten solcher Verlage und Veranstalter, die bloß ihren eigenen Dunstkreis solange nachnebeln, bis eine weitere Falschmeldung im Lexikon verstaubt, bewiesen die Asperger, indem sie mich trotzdem einluden und sogar mit meiner selbsterfundenen Berufsbezeichnung ("Neuropoelitiker") ankündigten. Schon mit 19 schockierte mich diese Diskrepanz zwischen offizieller Geschichtsschreibung (durch Klatsch und Klüngel) und dem Schicksal jener Künstler, die sich nicht vereinnehmen lassen, weil ihre Visionen groß und ihre Lebenswege klein bleiben. Dazu fällt mir Philipp Schiemann`s Aussage tags darauf im Café Insomnia ein, daß es eigentlich bloß zwei Gründe gäbe, die Strapazen unseres Milieus zu ertragen: entweder tritt die Industrie plötzlich als Sponsor auf oder es ist die abgrundtiefe LIEBE ZUR LITERATUR wie bei einem Ron Schmidt6. Standby.

Beim in der Stuttgarter Röhre am 20.4.2000 wurde außerdem deutlich, daß sich beides vielleicht immer günstiger verbinden läßt, ohne sich auf die selbstgemachten Top Ten zwecks Publikumsfang zu versteifen (die Discothek war randvoll mit allen Altersstufen!!!) sondern offen zu bleiben für starke Quereinsteiger statt sture Querulanten. Ein heftiger Marsch vom beheizten Downtown (1992) ins gelobte Kaltland (1999) führte durch 7-jährige Grabenkämpfe und Inselkriege, ohne die wohl kein neuer Planet aus dem Nichts käme. Für die trotzdem noch immer nötige nervenaufreibende Engagierte Eigeninitiative (ein weiteres E2) zur Schaffung würdiger Rahmenbedingungen ist das Schönauer-Trio ein überwältigendes Vorbild: Neben außerliterarischem Catering mit Fahrtkostenerstattung, Privatunterkunft und Backstage-Buffet gab es für die fünf Best-Of(f)s eine poppige Preisüberraschung: die schicke Slam-Armbanduhr. Standby.

Yussuf M weiß, daß unsere Zeit nicht nur tickt sondern wir das Ziffernblatt selbst gestalten und letztlich sogar müssen. Und das bedarf keiner historischen Hintergründe7 sondern wahrhaftiger Wurzeln im echten Leben, denen durch permanente Durstlöschung manchmal großartige Flügel wachsen - ganz gleich welches Logo für Schubkraft sorgt!! Das 21. Jahrhundert hat begonnen. SLAM!by. Und das 23. naht schon heute. SLAM!by: standby / standby / slowmotion / and fastfood / good-bye / great poetry / performing masters / slam!by //


ANMERKUNGEN: (1-4 entspricht zusammengepuzzleten Feedbacks mit Begründungen beim Grand Slam)
1 Bastian Böttcher: heiserer Rapper von Alltäglichkeiten ("immer dieselbe Frequenz mit gleichem Rhythmus, das kann ich besser")
2 Sir Jan Off: Harald-Schmidt-Verschnitt mit breiten Schultern ("nette Geschichten, naja, irgendwann reichts dann mal")
3 Tracy Splinter: schöne Stimmakrobatin ohne Botschaft ("die hätte ja auch aus einem Telefonbuch rezitieren können")
4 Tom de Toys: starker Meckerer ohne Humor ("erschreckende Mimik, aber nur engagiert & politisch macht doch keinen Spaß")
5 stan lafleur: Ex-Düsseldorfer (jetzt Kölner) Dichterfürst des "wahren Underground" (Lesungstitel im Düsseldorfer Abwasserkanal)
6 Ron Schmidt: organisiert die jährlichen A.L.T. ("Artoll Lyrik Tage") am Niederrhein um den 3.Oktober herum als "Tag der deutschen Dichtung"
7 historische Hintergründe: und wenn, dann sind für mich selbstdurchlebte (innerlich begriffene und darum begrifflich nachvollzogene) näher am Menschseinsgefühl als jede Legitimation durch Modeformeln. So zwang mich zum Beispiel damals der Golfkrieg zum erstmaligen Stimmeinsatz bei einem Pantomimestück, um meine bis dato introvertierte SPIRITUALITÄT ZU POLITISIEREN. Der brutalen Betroffenheit waren mediengerechte Metaebenen wie "Experimentelles Theater" (80er) oder "Poetry Performance" (90er) derart unwichtig, daß der Aktion ein textbezogener Titel genügte ("BLUME BOMBE BLUME") und dann während einer privaten Studentenparty in Köln-Efferen stattfand ohne in der offiziellen Subkultur-Chronik archiviert zu werden (was hiermit nachgeholt sei). Eigentlich vermisse ich solche authentischen "Events" als den echten Underground, der auch heute täglich passiert, ohne auf unsere Registrierung zu warten. Denn hinter den Grenzen aller öffentlichen Netzwerke lauert kein Niemandsland sondern totgeschwiegene andere Wahrheiten und Werke, von deren Existenz wir bestenfalls 1 Jahrhundert später wissen...

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