Tom de Toys, 14.11.98

MODELLCHARAKTER 'TACHELES' ???

("INTEGRALE INTERAKTION" ALS KUNSTHAUS-VISION)

Ich habe mein erstes Ja(hr) soeben ÜBERstanden. Ich gehöre zu den "Neuen", den sogenannten 'Tachelanern' - 'Tachelinis' gibt es ja inzwischen auch schon, aber die "Ältesten", die echten Ur-Tachelesen, die ich bis jetzt traf, ist das Ratten-Königspaar. Die stolzieren nachts gerne durch die Etagen und flanieren in den Ausstellungen, wenn Touristen, Schulklassen, Liebespaare, Cliquen und die letzten Besucher des Literatursalons endlich verschwunden sind. Dann strahlt das Gebäude selber eine unheimliche, angenehme Ruhe aus, die auf gespenstige Weise seine Jahrhundertgeschichte erzählt. Auch ich unterbreche dann gerne meine Arbeit und drehe eine Taiji-Runde zwischen den Gemälden. Schon öfters hat mir diese spirituelle Spürmethode das (Un-)Verständnis für manche Werke erleichtert. Tagsüber genieße ich die Möglichkeiten des Austausches mit anderen Kollegen (damit meine ich nicht bloß die angeblich "bildenden" Künstler), die verstreut im Haus ihre jeweiligen Tagesprobleme & Tageslaunen zu meistern versuchen. Eine zwanglose Toleranz erlaubt es, sich entweder nur "unverbindlich" im Treppenhaus zu grüßen oder aber verrückte Gespräche im Atelier zu führen, die das eigene Schaffen oft nachhaltig inspirieren bis hin zu gemeinsamen Projektideen. Wenn ich nach diesem aufregenden & aufreibenden 1 Jahr seit dem Gerichtsbeschluß der Räumungsklage bis zur Vertragsunterzeichnung zurückschaue, erinnere ich mich an viele angespannte Gesichter, die nun wieder aufblühen. Und ich sehe so einige Gesichter garnicht, die sich nun plötzlich aufblähen. Da wird mir schlagartig klar: ES HAT SICH WIRKLICH WAS VERÄNDERT IM TACHELES!

Statt der schädlichen Methode "Machthaben", die zu Feindseligkeit und Lustlosigkeit führt, kann die schützende Methode "Menschsein" endlich eine Kollektiv-KOngenial-KOoperativ-KOmmunikativ-KOllegiale Stimmung erzeugen: das KO-Syndrom! (nicht zu verwechseln mit K.O. im Boxkampf...) Zwar ist nicht jeder so spontan euphorisch wie ein Tim Roelofs (der während der ersten "legalen" 'WERKSCHAU' leider in Japan untergetaucht ist - Tim, wir lieben + brauchen Dich!!!) oder ein Körnersammler wie ich (ja, Herr Reiter, Ihr Theoriedesign gibt harte Impulse - gut, daß Du trotzdem nicht verhärtet bist, Martin!!!), aber einen gewissen Familiensinn brauchen hier alle, um gerne zu kommen, und das Haus nachts in Vorfreude auf den näxten Tag wieder zu verlassen. Egal ob Café 'Zapata' & 'Camara', Kino, Theater, R-Volksbühne, More Art, Gartenhaus-Club, Metallwerkstatt oder die beiden Galerie-Etagen, wir haben jetzt diese wunderbare Chance 2008 bekommen, ein europäisches Modell zu liefern, das Welten verbindet:

Die "Spinner" und die "Stadtplaner" unterscheiden sich vielleicht viel weniger als die Berufe/Berufungen vortäuschen; denn jeder bewußte wache Mensch versucht nicht, irgendwelche abstrakte Ziele zu erfüllen sondern entwickelt seine Vorstellungen aus einer SACHLICHEN SEHNSUCHT, die schon im Sandkasten übt, keine Sackgassen zu bauen. Und genau dieses Experimentierfeld ist der Charakterzug des Kunsthauses, mit dem wir sehnsüchtiger, sinnlicher und sicherer in die Zukunft steuern als mit dem Spielverderber-Syndrom. Genug der Altlasten, Lustlosigkeit und Lähmung - jedermensch soll sich hier als personifiziertes Vorbild empfinden dürfen, um mit 200%iger Anwesenheit seinen Platz im Raumschiff Tacheles einzunehmen und seine Funktion bewähren statt bewahren zu können. Wer mit Abwesenheit oder Autismus glänzt, der leuchtet nicht. Die Langeweile derer, die bloß ihre Pseudo-Anwesenheit in Szene setzen, symbolisiert das 20.Jhd. bis ins Detail, während die anteilnehmende sporadisch-akute Abwesenheit (eines Tim Roelofs oder Rolf Langhans) mehr Licht spendet als ich dem neuen Jahrtausend ÜBERhaupt zutraue. Soviel zu Energie und Telepathie und sonstiger Esoterik, an deren Erforschung große Künstler immer beteiligt sind.

Es fühle jeder einmal tief in seine Seele hinein (egal ob schwarzes Loch oder Gott) und gebähre die Entscheidung erstmal selber, ob der eigene Zustand, die eigene Haltung zur liebevollen Verantwortung für das Projekt "Kunsthaus" (egal ob Sozio-kulturelles Zentrum oder Psychatrie) beiträgt oder eben nicht. Das November-Monatsplakat (von Wolfgang Spahn) zeigt prima die gefährliche Doppelgesichtigkeit: entweder Planet (mit visionären Impulsen) oder nur Luftballon (mit ruinösen Illusionen), ansonsten wirkt beides vermischt als Zeitbombe, die weitere zehn kurze Lichtjahre tickt...

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